Warum das Krebsrisiko für Piloten und Flugbegleitende höher ist
By Roie
Fliegen gehört zu den am strengsten regulierten Tätigkeiten überhaupt. Jede Wartung, jede Flugstunde, jede Schicht ist dokumentiert. Umso mehr überrascht ein Befund, der im August 2026 international für Aufsehen sorgte: Piloten und Flugbegleitende sterben häufiger an strahlungsbedingtem Krebs als Angehörige praktisch aller anderen untersuchten Berufe. Was steckt dahinter? Und was bedeutet das für Menschen, die beruflich in der Luft unterwegs sind?
Was die Studie zeigt
Ein Forschungsteam der Harvard Medical School und des Brigham and Women’s Hospital hat US-Sterbedaten von fast 13 Millionen Menschen aus 503 Berufsgruppen ausgewertet, darunter rund 14’000 Pilotinnen und Piloten sowie 7’000 Flugbegleitende. Die am 17. August 2026 im Fachjournal JAMA Internal Medicine veröffentlichte Arbeit zeigt: Flugbegleitende und Pilotinnen und Piloten weisen von allen untersuchten Berufsgruppen das höchste beziehungsweise zweithöchste Risiko auf, an einer strahlungsassoziierten Krebsart zu sterben.
Bei Flugbegleitenden gehen 6,9 Prozent aller Todesfälle auf solche Krebsarten zurück, bei Pilotinnen und Piloten 6,7 Prozent. Zum Vergleich: In der übrigen arbeitenden Bevölkerung sind es rund 5 Prozent. Besonders betroffen sind Brust-, Haut- und Prostatakrebs sowie Tumore des zentralen Nervensystems; bei Pilotinnen und Piloten zusätzlich Leukämie.
Warum ist das Krebsrisiko für Flugpersonal höher?
Die Forschung nennt dafür nicht eine einzelne Ursache, sondern mehrere Faktoren, die sich im Berufsalltag von Flugpersonal überlagern.
- Kosmische Strahlung: In Reiseflughöhe trifft energiereiche Strahlung aus dem Weltall auf die Erdatmosphäre und erzeugt dort eine Kaskade sekundärer Teilchen. Die Belastung verdoppelt sich mit jeweils rund 1’400 Metern zusätzlicher Flughöhe und ist auf Polarrouten deutlich höher als am Äquator. Eine Übersichtsarbeit im Fachjournal Frontiers in Public Health beziffert das relative Krebsrisiko für Flugbegleiterinnen unter anderem mit einem 1,5-fach erhöhten Brustkrebsrisiko sowie einem bis zu dreifach erhöhten Melanomrisiko gegenüber der Allgemeinbevölkerung.
- Störung des zirkadianen Rhythmus: Zeitzonenwechsel und Nachtdienste bringen die innere Uhr regelmässig durcheinander. Laut derselben Übersichtsarbeit ist dieser Effekt bei mehrfach gebärenden Flugbegleiterinnen teilweise ebenso stark mit erhöhtem Brustkrebsrisiko verbunden wie die kosmische Strahlung selbst.
- UV-Strahlung: Die US-Gesundheitsbehörde CDC weist darauf hin, dass die UV-Belastung in Reiseflughöhe höher ist als am Boden. Wie stark Cockpit- und Kabinenfenster diese abschirmen, ist bislang nicht abschliessend geklärt.
- Überlagerte Belastungen: Die Studienautorinnen und -autoren betonen, dass sich chemische, biologische und psychosoziale Faktoren im fliegenden Berufsalltag gegenseitig überlagern. Das erschwert es, den Beitrag der Strahlung exakt zu isolieren. Ein ursächlicher Zusammenhang gilt daher als plausibel, aber noch nicht abschliessend bewiesen.
Gilt das auch für Vielflieger?
Für Personen, die privat oder beruflich gelegentlich fliegen, ordnen die Studienautorinnen und -autoren selbst ein: Wer jährlich zehn Langstreckenflüge unternimmt, sammelt dabei schätzungsweise 0,4 Millisievert an zusätzlicher Strahlendosis, verteilt über mehrere Jahre. Das entspricht ungefähr einem Siebtel bis Fünfzehntel dessen, was fliegendes Personal allein pro Jahr an Bord aufnimmt. Die Studie sagt ausdrücklich nicht, dass der nächste Ferienflug oder ein Berufsleben mit gelegentlichen Reisen das persönliche Krebsrisiko relevant erhöht. Es geht um eine berufliche Dauerexposition, nicht um einzelne Flüge.
Tabelle
Personengruppe Geschätzte Strahlendosis Meldepflichtige Schwelle Flugpersonal (Schweiz, StSV).
ab 1 mSv pro Jahr.
Typische Jahresdosis Flugpersonal (Praxiswerte).
über 2 mSv pro Jahr.
Was in der Schweiz bereits gilt
Die Schweizer Strahlenschutzverordnung (StSV) stuft Flugpersonal als beruflich strahlenexponiert ein, sobald die Jahresdosis durch den Flugeinsatz 1 Millisievert erreichen könnte. Dieser Wert wird laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) in der Praxis regelmässig überschritten. Da herkömmliche Personendosimeter kosmische Strahlung nicht zuverlässig erfassen können, sind Luftfahrtunternehmen verpflichtet, die individuelle Strahlendosis ihres Personals rechnerisch mit anerkannter Software zu ermitteln und zu dokumentieren. Die Regulierung besteht also bereits. Die Frage ist, was Unternehmen darüber hinaus für die Gesundheit ihrer Crews tun.
Für Airlines, Business-Aviation-Betriebe und Flugrettungsorganisationen ist ein erhöhtes, arbeitsbedingtes Krebsrisiko kein Wellness-Thema, sondern ein operationelles. Ein Ganzkörper-MRI-Screening ersetzt keine Strahlenschutzmassnahmen, kann aber als ergänzender Baustein im betrieblichen Gesundheitsmanagement dienen: Es untersucht Organe und Gewebe, etwa Haut, Brust und Gehirn, strukturiert und ohne zusätzliche Strahlenbelastung, da die Untersuchung selbst ohne Röntgenstrahlung auskommt.
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Was bedeutet das für die Prävention?
Solange sich die berufliche Strahlenexposition von Flugpersonal nicht grundlegend reduzieren lässt, bleibt die Früherkennung der wirksamste Hebel, den Betroffene und Arbeitgebende selbst in der Hand haben. Das gilt umso mehr, weil einzelne der betroffenen Krebsarten, etwa bestimmte Haut- und Brustkrebsformen, bei früher Entdeckung gut behandelbar sind. Für Unternehmen mit fliegendem Personal kann ein strukturiertes, ärztlich begleitetes Vorsorgeprogramm daher eine sinnvolle Ergänzung zu den bestehenden Strahlenschutzpflichten sein.
Vorsorge für Ihre Mitarbeitenden
Ganzkörper-MRI-Screenings für Teams, Kader oder die gesamte Belegschaft. Die Administration läuft über uns, Befunde gehen ausschliesslich an die untersuchte Person, nie an den Arbeitgeber.
Unverbindlich anfragen →Quellen & weiterführende Informationen
- Harvard Medical School: Pilots, Flight Attendants Have Greater Risk of Radiation-Related Cancer Death Than Other Professions (2026)
- JAMA Internal Medicine: Cancer-Related Mortality Among US Pilots and Flight Attendants (2026)
- Bundesamt für Gesundheit (BAG): Dosimetrie des Flugpersonals
- CDC/NIOSH: Cancer in Aircrew
- Frontiers in Public Health: Cancer risks from cosmic radiation exposure in flight, A review (2022)
